Ich bin ein Straßenköter!“

 

Nadiem Amiri ist der neue Shootingstar bei der TSG Hoffenheim. Der deutsche Nationalspieler wurde am 27. Oktober 1996 in Ludwigshafen am Rhein geboren. Mit der A-Jugend holte er den Meistertitel. Neben Fußball mag er Basketball und Schwimmen. Der 1,78m große Techniker fühlt sich im zentralen Mittelfeld am wohlsten. Mittlerweile hat er sich im Bundesligateam einen Stammplatz erspielt. Henoch Förster, Gründer vom Fashionlabel bolzplatzkind, stellte dem Edeltechniker aus Rheinland-Pfalz elf Fragen.

 

Nadiem, Du bist ein junges Talent von der TSG Hoffenheim. Spätestens seit dem Spiel gegen Gladbach vor zwei Wochen kennt Dich ganz Fußballdeutschland. Beim 3:3 erzieltest Du einen Treffer selbst und bereitetest die anderen beiden vor. Was ist das für ein Gefühl, das erste Bundesligator zu schießen. Beim Jubel beispielsweise, an was denkt man da? Es war ein super Gefühl, denn mein Kindheitstraum ging in Erfüllung. Beim Jubel habe ich an nichts gedacht. Du wirst von den Emotionen einfach überwältigt, dass Du keinen klaren Gedanken mehr fassen kannst. Gänsehaut.

 

Gegen Hannover habt Ihr jetzt mit Huub Stevens Euren ersten Sieg eingefahren. Glückwunsch dazu. Was ist Huub Stevens für ein Typ und was schätzt Du an ihm? Er ist ein super Trainer und auch Mensch. Er weiß, wann man arbeiten muss und wann man lachen kann. Ich schätze an ihm, dass er momentan auf mich setzt und ich kann extrem viel von ihm lernen. Er bringt mir Dinge bei, die ich vorher nie gehört habe.

 

Die Winterpause steht vor der Tür. Gibt es Anfragen von anderen Vereinen? Du musst keine Namen nennen. Es gibt sehr viele Anfragen. Stand jetzt, bleibe ich bei Hoffenheim.

 

Die TSG Hoffenheim stand anfangs arg in der Kritik, wegen des Rufes als Retorten- und Mäzenklub. Plakate wie „18,99 Euro Hoppenheim“ zierten die Tribünen der Stadien. Mittlerweile hat sich der Klub in der Bundesliga etabliert, teure Stars werden nicht mehr gekauft. Liegt das auch an der starken Jugendarbeit bei der TSG? Du hast die Jugendmannschaften durchlaufen. Was kannst Du über die Arbeit im Verein sagen? Die Jugendarbeit in Hoffenheim ist wirklich überragend. Also jedes Jahr kommen immer zwei bis drei Spieler aus der eigenen Jugend hoch. Es liegt dann eben am Spieler selbst, ob er sich durchsetzt. Der Verein gibt die Option, die Chance. Und du musst als Spieler dann auch die Chance nutzen. Die Jugendarbeit ist echt überragend, perfekt.

 

Vor Hoffenheim warst Du bei Waldhof Mannheim, am Betzenberg und beim Ludwigshafener SC, dein Geburtsort. Gehen wir noch weiter zurück. Auf welchem Bolzplatz hast Du angefangen und gibt es ihn heute noch? Ich habe auf dem Bolzplatz in Mundenheim, das ist in Ludwigshafen, angefangen. Und ja, den gibt es immer noch. Es war eigentlich ein Steinboden, überall Staub und Dreck. Lacht. Aber da haben wir uns richtig rumgeworfen. Also es war egal, ob du danach dann verletzt warst oder nicht. Im Moment des Spielens hast du nichts gespürt.

 

Du bist Deutsch-Afghaner, hast Dich für die deutsche Nationalmannschaft entschieden. Das freut uns. Hat der Migrationshintergrund Deiner Familie Deine Kindheit irgendwie beeinflusst? Auf dem Bolzplatz spielt sowas ja eigentlich keine Rolle. Meine Kindheit wurde gar nicht beeinflusst. Ich kenne die afghanische Kultur natürlich, doch ich lebe deutsch. Wir reden zu Hause mehr deutsch als afghanisch. Und ja, wir haben uns extrem gut integriert, meine Eltern schon. Also sie sind eher Deutsche und ich sowieso.

 

Wenn Du Deinen Spielertyp in einem Satz beschreiben müsstest, wie lautet er? Straßenköter. Lacht. Straßenfußballer.

 

Als kleiner Junge träumt man ja immer von der großen Profikarriere. Und plötzlich liegt da ein Profivertrag vor der Nase, den man unterschreiben kann. Was ist das für ein Gefühl, Nadiem, und was geht einem durch den Kopf? Ich konnte es gar nicht glauben. Das ging alles so schnell. Diesen Moment kann man nicht beschreiben, meine Eltern haben geweint und ich war so unfassbar geflasht. Lacht. Mega, einfach krass, dass mein Traum in Erfüllung geht. Es war ein überragendes Gefühl, also echt unbeschreiblich.

 

Wer ist eigentlich Dein Vorbild, einmal generell im Leben und dann im Fußball?

Generell im Leben Cristiano Ronaldo. Und beim Fußball auch. Aber Roberto Firmino ist auch ein Idol, weil er die gleiche Position wie ich spielt und er mich in Hoffenheim beeindruckte.

 

Was treibt Dich an im Leben, woher holst Du Dir Kraft? Meine Gebete, meine Eltern, meine Familie. Ich will nie aufgeben, ich hasse es, zu verlieren. Ich will immer gewinnen und immer der Beste sein.

 

Täglich gehen Tausende Jungs und Mädels auf den Fußballplatz zum bolzen, träumen von der großen Karriere. Was kannst Du diesen jungen Menschen mit auf den Weg geben? Nichts ist unmöglich. Jeder kann es schaffen. Wenn du hart arbeitest, bodenständig und gesund bleibst, dann kann jeder seinen Traum in Erfüllung bringen. Es gehört auch ein bisschen Glück dazu. Aber Glück kannst du dir erarbeiten. Und ich denke auch, dass Gott dir alles zurückgibt. Wenn er sieht, dass du Gas gibst, dann wird es auch schon.

 

Uns freut es, wenn junge Spieler den Sprung in die Bundesliga schaffen. Denn wir sind für diesen Traum damals tagtäglich auf den Bolzplatz gegangen. Nadiem Amiri ist ein typischer Straßenfußballer, der es aus einfachen Verhältnissen zum Fußballprofi geschafft hat. Er hat gekämpft, hart gearbeitet und seinen Traum erfüllt. Nadiems Familie hat afghanische Wurzeln, doch er fühlt sich deutsch, ist Deutscher. Und er wird der deutschen Nationalmannschaft in den nächsten Jahren sicher noch den ein oder anderen Titel bescheren.  

Nadiem Amiri kurz vor seinem Tor gegen Borussia Mönchengladbach
Nadiem Amiri kurz vor seinem Tor gegen Borussia Mönchengladbach