Julia Simic beim Lernen mit einem Hoodie von Bolzplatzkind
Julia Simic beim Lernen mit einem Hoodie von Bolzplatzkind

"Ich wollte es den Jungs früher immer beweisen!"

 

Julia Simic ist eine der beliebtesten Fußballerinnen Deutschlands. Seit einem Jahr spielt die gebürtige Fürtherin beim VfL Wolfsburg. Davor schnürte der blonde Wirbelwind die Schuhe für den 1. FFC Turbine Potsdam und den FC Bayern München. 2011 präsentierte sich Julia Simic mit vier weiteren Nationalmannschaftskolleginnen im Playboy von einer ganz anderen Seite. Wir sprachen mit der sympathischen Wahl-Wolfsburgerin über Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Über Höhen und Tiefen.

 

Julia, Du bist jetzt 26 Jahre alt. Wann und wo hast du angefangen, Fußball zu spielen? Eigentlich bin ich, seit ich auf eigenen Füßen stehen kann, dem Ball hinterher gejagt. Ein glücklicher Umstand war sicherlich auch, dass ich einen zwei Jahre älteren Bruder habe, von dem ich mir einiges abschauen konnte und der mich immer mit auf den Bolzplatz genommen hat. Mit sechs Jahren habe ich dann angefangen, im Verein mit den Jungs zu kicken. Damals hieß der Verein Tuspo Fürth, der jetzt allerdings mit der SpVgg Greuther Fürth fusioniert ist.

 

Wie viele andere auch, bist du als keines Mädchen nach der Schule immer auf den Bolzplatz gerannt. Die Freiheit war mich für das Größte, den Alltag vergessen zu können. Was hat das für Dich bedeutet? Für mich war es immer etwas Besonderes, mit den Jungs vom Bolzer spielen zu dürfen. Zumal anfangs immer alle skeptisch waren, ob ich als Mädchen mitspielen soll. Das habe ich stets als Herausforderung gesehen und wollte es allen beweisen. Lacht. Mit zwölf Jahren hatte ich bereits 4-5 Mal in der Woche Mannschaftstraining, aber nicht selten ist man direkt vom Bolzplatz ins Fußballtraining gefahren. So hat für mich ein vollkommener Tag ausgesehen.

 

Bei deinem Bundesliga-Debüt für den FC Bayern im August 2005 erzieltest Du gleich den Führungstreffer. Was ging Dir beim Jubel durch den Kopf? Das war natürlich schon ziemlich cool, so einen Einstand zu feiern. Ich war damals mit Abstand die Jüngste im Team und bin direkt aus einer U16-Jungenmannschaft aus Nürnberg zu den Frauen in die Bundesliga gewechselt, verbunden mit Schul- und Stadtwechsel. Von daher war es privat wie sportlich eine große Umstellung. Umso glücklicher war ich dann natürlich, dass es sportlich gut anfing. Lacht.

 

Du spieltest Dich schnell in zahlreiche Fußballherzen, hast viele Fans. Was bedeuten dir Fans und Komplimente und wie sehr bist du von ihnen abhängig? Mir ist es schon wichtig, externes Feedback zu bekommen. Heutzutage ist das durch die sozialen Medien noch einfacher, beziehungsweise der Weg ist noch kürzer von Fan zu Athlet und auch andersherum, als das vielleicht noch vor zehn Jahren der Fall war. Ich lese alle Briefe, Kommentare und Nachrichten, die ich erhalte und reflektiere mich dabei ständig. Aber klar ist auch, dass man sich mehr freut, wenn einen überwiegend positive Nachrichten erreichen.

 

Die Jahre 2011 und 2012 waren für Dich sicherlich eine Achterbahnfahrt der Gefühle. Kreuzbandriss, Comeback, Kreuzbandriss. Wie sehr haben Dich diese beiden Verletzungen beeinflusst. Ich meine gar nicht unbedingt körperlich, sondern von Deinem Charakter und Reifeprozess? Solche Verletzungen schmerzen ja auch seelisch. Ich denke, es lässt sich ganz gut beschreiben, wenn ich sage: in der Zeit bin ich erwachsen geworden. Damit meine ich nicht unbedingt, dass sich mein Verhalten auf oder neben dem Platz großartig geändert hat, aber meine Sicht auf viele Dinge hat sich verändert. Gerade der Sport, der den Alltag und das ganze Leben bis dahin bestimmt hat, ist als Säule erst einmal weggebrochen. Die erste Reha verlief dabei noch wie am Schnürchen. Ich habe schnell Fortschritte gemacht und jede Phase spielerisch genommen, um möglichst nach 5-6 Monaten wieder auf dem Platz mit den Mädels zu stehen. Zudem habe ich mich ja in einem Training der A-Nationalmannschaft verletzt, was mir zusätzliche Motivation und Ansporn verliehen hat. Das Ziel, das ich vor Augen hatte, war ein Stück weit auch der Weg zurück zur Nationalmannschaft. Als ich dann nach fünf Wochen Mannschaftstraining in meinem Comebackspiel gleich ein Tor erzielen konnte, war mein Gefühl: jetzt ist die Welt wieder in Ordnung. Nur eine Woche später riss das Kreuzband im gleichen Knie allerdings erneut. Wenn man es bildlich ausdrücken möchte, muss ich sagen: Zu diesem Zeitpunkt bin ich viel tiefer gefallen als noch bei der ersten Verletzung. Auf einmal dauerte die Reha länger, es gab mehr Komplikationen, auch der Reha-Alltag fiel mir zwischendurch auf den Kopf. Zusätzlich gab es einige Menschen, die nicht mehr an mein Comeback geglaubt haben. Da passiert schon einiges in einem selbst, zumal einem der Sport bzw. die Leute einem auch nicht auf ewig nachtrauern, sondern alles einfach ohne einen weitergeht. Das waren zum Teil wirklich schwierige Prozesse, die man durchgemacht hat. Dadurch lernte ich allerdings auch, als ich nach etwas mehr als dreizehn Monaten wieder auf dem Platz stand, meine Gesundheit mehr denn je zu schätzen.

 

Mit was beschäftigst Du dich eigentlich abseits des Fußballplatzes? Wie sieht dein Alltag aus? Speziell durch die Verletzung habe ich gelernt, wie wichtig es ist, neben dem Sport eine stabile Säule zu haben. Aktuell befinde ich mich auf dem Weg zum Master im Bereich Sportwissenschaften. Das Studium gestaltet sich als Fernstudium, allerdings mit Präsenzphasen in Berlin. Je nach Trainings- und Spielplan versuche ich möglichst häufig anwesend zu sein, auch wenn es mir teilweise natürlich nicht möglich ist. Die meiste Zeit verbringe ich allerdings mit meinem Beagle Coco, die ich seit der Reha-Zeit habe und die damals viele läuferische Einheiten mit mir gemeinsam absolviert hat. Lacht.

 

Wie sieht deine berufliche Wunschkarriere nach dem aktiven Fußball aus? Mein Wunsch wäre, dem Sport, und am liebsten dem Fußball, in einer aktiven Position erhalten zu bleiben. Ich kann mir einen Perspektivwechsel in Richtung Trainerin vorstellen, habe bereits einige Male im Nachwuchsbereich Mannschaften mit betreut und großen Gefallen daran gefunden.

 

Was gibst Du den Jungs und Mädels, die da draußen jeden Tag auf den Bolzplatz gehen, um Profi zu werden, mit auf den Weg? Das alles entscheidende Merkmal ist in dem Alter doch der Spaß, nicht unbedingt der Gedanke an eine mögliche, erfolgreiche Karriere als Fußballstar. Ich persönlich freue mich immer, wenn ich zwischen all den Jungs ein Mädchen sehe, das munter mitspielt. Gerade wenn ich an einem gut besuchten Bolzplatz vorbei komme, nehme ich mir ein paar Minuten, um einfach etwas zuzuschauen. Mich freut auch der Gedanke, dass der Nachwuchs noch Gefallen daran findet, draußen aktiv zu kicken, sich selbst zu beschäftigen, und nicht nach der Schule Zuhause vor dem PC zu sitzen oder Videospiele zu spielen.

 

Wie ernährst Du Dich eigentlich im Alltag so und was isst Du wann vor einem Spieltag? Ich lege mittlerweile großen Wert auf das Thema Ernährung. Ich folge nicht jedem modernen Trend, aber ich versuche ganz bewusst, meinen Fleischkonsum zu reduzieren und ausgewogen und gesund zu essen, ohne auf Nahrungsergänzungsmittel zurückzugreifen. Vor dem Spiel essen wir in der Regel gemeinsam mit der Mannschaft, wo natürlich darauf geachtet wird, Kohlenhydrate wie Nudeln, Reis und Kartoffeln sowie Gemüse und Obst anzubieten. Ähnlich bereite ich mich auch auf Trainingseinheiten vor und esse 2,5-3 Stunden vor dem Sport. Und selbst als Sportler muss man nicht auf die Nachspeise verzichten. Das Schöne daran ist ja, dass man schnell alles wieder abtrainiert. Lacht.

 

Welche Fußballer beeindrucken Dich und warum? Fußballerisch faszinieren mich Messi, Iniesta und auch Lewandowski, der für mich der kompletteste, klassische Mittelstürmer ist. Rein menschlich beeindruckt mich Holger Badstuber, mit dem ich auch ein Jahr zusammen in die gleiche Schulklasse gegangen bin. Gerade durch meine eigenen Reha-Erlebnissen bin ich natürlich hinsichtlich des Themas Verletzung sensibilisiert und verfolge seinen Kampfgeist gepaart mit der positiven Einstellung ganz genau.

 

 

Das Team vom Fashionlabel Bolzplatzkind bedankt sich für das Interview und wünscht Julia Simic für die Zukunft alles Gute, vor allem Gesundheit. Möge sie dem Frauenfußball noch einige Jahre erhalten bleiben, viele Tore schießen und vor allem Spaß am Beruf, im Leben haben. Und wer weiß, vielleicht wird sie die heute jungen Mädels vom Bolzplatz, später als Bundestrainerin zum Weltmeistertitel führen. Viel Erfolg bei allem, was Du tust, Julia Simic.