„In der Kreisliga geht es härter zur Sache als bei manchem Profi!“

 

Dennis Erdmann ist ein außergewöhnlicher Typ. Denn er bedient so gar keine Klischees des Fußballprofis von heute. Der am 22. November 1990 in Frechen geborene Defensivspieler kam von ganz unten. Aus der Kreisliga. Dann FC Schalke, Dynamo Dresden, Hansa Rostock. Und steht heute als Profi beim 1. FC Magdeburg unter Vertrag. Er kämpfte sich nach oben. Vor allem mit Leidenschaft, mit Herz, mit Willen. Und mit Härte. Deshalb polarisiert Dennis Erdmann manches mal. Wir führten mit dem 27-jährigen ein Interview und stellten fest, dass er sehr differenziert und ausgeglichen ist.

 

Dennis, Du bist seit dem 1. Juli 2017 beim 1. FC Magdeburg unter Vertrag. Was kannst Du bisher über den Charakter des Traditionsvereins und zur Fankultur sagen? Magdeburg ist ein absoluter Traditionsverein. Genau wie Hansa und Dynamo. Einfach tolle Fans. Und ich bin stolz darauf, für die drei größten Ostvereine gespielt zu haben oder es heute noch zu tun. Es ist auch ein schönes Gefühl, als Wessi im Osten so gut anzukommen. 

 

Vorher hast Du zwei Jahre beim FC Hansa Rostock gekickt. Wie war die Zeit für Dich dort? Die Zeit bei Hansa Rostock war unfassbar geil. Auch, wenn nicht der große Erfolg da war, hat das alles sehr verbunden. Ich fühlte mich in Rostock sehr wohl. Die Fankultur, die Stadt. Es war alles sehr, sehr schön da oben im Norden. Aber wie es manchmal so ist im Leben, eine schöne Zeit geht auch mal vorbei. Und dann beginnt eine andere schöne Zeit. Dennoch werde ich die Erlebnisse nie vergessen und stets ein Auge auf Hansa werfen. 

 

Die Medien bezeichnen Dich als „Schrecken aller Gegenspieler“. Wie kommen die darauf? Vielleicht, weil ich ein bisschen fies und dreckig auf dem Platz bin. Aber das gehört halt beim Fußball dazu, wenn man Erfolg haben will. Da hilft nicht immer nur Hacke, Spitze, Einszweidrei. Das habe ich ja eben noch auf dem Bolzplatz kennengelernt, dass mit Haken und Ösen gespielt wird und von daher finde ich das auch legitim. 

 

Und dann gab es das Jahr bei der SG Dynamo Dresden. Was Fußballdeutschland sicherlich am meisten in Erinnerung bleibt: Im Achtelfinale des DFB-Pokal gegen Borussia Dortmund sorgte ein Zweikampf gegen Marco Reus für mediales Aufsehen. Du sagtest nach einem Pferdekuss, dass man in der Kreisliga weitergespielt hätte. Hast ja selber dort mal gespielt. Wie bewertest Du die Situation heute und gibt es tatsächlich Unterschiede in der Gangart zwischen einem Amateur und einem Profi? Das mit Marco Reus und Borussia Dortmund damals, da stehe ich heute noch immer zu. Ich bin der Meinung, dass es in der Kreisliga auf dem Platz härter zugeht als bei manchen Profis. Und das ist für mich halt die Basis, die Kreisliga. Wo die Amateure spielen. Wo die Leute noch mit einem Bier an der Ecke stehen. Wenn man von der Arbeit kommt und dann direkt abends trainieren geht oder sonntags dann spielt. Und das ist halt für mich die Basis, die den Fußball erst groß gemacht hat. Und warum die Fußballprofis in der Bundesliga heute überhaupt so viel Geld verdienen. Das hat man auch denen zu verdanken, die das große Etwas damals klein aufgezogen haben. Und von daher sage ich auch, dass es in der Kreisliga härter zur Sache geht als bei manchem Profi. Und das finde ich halt wirklich schade. Weil wenn man schon Millionen verdient, dann sollte man auch ein bisschen was aushalten können.

 

Wie oft trainiert man in der Dritten Liga eigentlich und mit was beschäftigst Du Dich gerne in der Freizeit? In der Dritten Liga trainiert man genauso häufig wie in der Bundesliga. So sieben Trainingseinheiten die Woche. Manchmal, wenn man eine gute Englische Woche spielt, bekommt man auch mal zwei Tage frei. Und in der Freizeit, so wie gerade, gehe ich mit meinen Hunden spazieren.

 

Wo genau ist Dein Bolzplatz aus der Kindheit und gibt es ihn heute noch? Mein Bolzplatz aus der Kindheit ist in Balkhausen bei der SpVgg Balkhausen-Brüggen-Türnich. Da gehe ich heute noch hin. Wenn ich Winter- oder Sommerpause habe. Dann kicke ich da ein bisschen mit meinem Bruder. Da haben wir uns über Jahre ein Spiel ausgedacht und das spielen wir heute noch.

 

Du bekommst ein Megaphon, die ganze Welt hört Dich. Du hast genau einen Satz: Wie lautet er? „Im Osten wird noch ehrlicher Fußball gespielt.“ Das würde ich rufen. Nach Westdeutschland.

 

Was empfiehlst Du den vielen Jungen und Mädchen, die versuchen, Fußballprofi zu werden? Ich würde erst mal jedem empfehlen, dass er seine Schule vernünftig zu Ende macht. Das ist das Wichtigste. Und dann möchte ich den jungen Menschen sagen, dass man auch mit wenig viel erreichen kann. Ich bin jetzt nicht der große Zauberer am Ball, habe noch in der Kreisliga gespielt, und auch in der Landesliga, habe mich langsam hochgearbeitet. Für mich ist die Dritte Liga schon ein Erfolg, aber da geht immer noch mehr. Ich will in die Zweite Liga. Das natürlich am liebsten mit Magdeburg. Von daher sollte man sich immer Ziele stecken und die Treppe hochgehen. Bis man halt sagt, dass man zu alt geworden ist. Aber am Anfang sollte man schon klein anfangen. Und nicht sofort zu einem Bundesligisten in die Jugend wechseln. Weil du dann einer von Tausenden bist. Wenn du der eine bist, ist es gut, aber wenn du der unter den 999 bist, ist es halt scheiße.

 

Wie stehst Du zum kommerziellen Fußball von heute? Was hältst Du von den hohen Transfersummen und wo wird das Deiner Meinung nach enden? Zu den Transfersummen: Das haben wir jetzt gesehen mit Neymar. Katastrophe. Weil ich bisher immer ablösefrei gewechselt bin und Neymar ist nicht 222 mal besser als ich. (lacht) So. Und wir in der Dritten Liga profitieren auch nicht so davon wie die Bundesligisten. Von den Gehältern jetzt her.

 

Welcher Gegenspieler war für Dich der beste, gegen den Du je gespielt hast? Damals im Pokal gegen Schalke. Huntelaar war jetzt nicht so schlecht. Der konnte halt schon was am Ball. Damals die Dortmunder waren jetzt alle nicht so gut. Von daher bleibe ich bei Huntelaar.

 

Welche drei Personen sind warum Deine Vorbilder oder Idole im Leben? Meine Vorbilder. Gute Frage, weil ich habe nicht so Vorbilder. Wenn ich welche hätte, würde ich es Dir sagen. Aber ich habe einfach keine. Weil ich weder Charakter, noch Spielart noch sonst irgendwas einem Menschen nachahme. Weil ich halt ich bin. Ich möchte jetzt nicht unbedingt sein wie Ronaldo, Messi oder Franz Beckenbauer. Obwohl, Franz Beckenbauer wäre ich doch schon gerne. Aber ansonsten habe ich kein Vorbild.

 

 

Bolzplatzkind bedankt sich bei Dennis für das aufrichtige und offene Interview. Für die laufende Saison wünschen wir Dir alles Gute und hoffen, dass Du den Sprung in die Zweite Liga noch schaffst. Bleibe gesund und stets glücklich im Leben. Danke.